Diagnose Krebs

In unserer industrialisierten westlichen Welt gehört Krebs zu den häufigsten Erkrankungen. Nach Herz-Kreislauf-Krankheiten steht Krebs mit steigender Tendenz an zweiter Stelle. Trotz zunehmender Therapieerfolge bringen diese Erkrankungen häufig schwerwiegende psychische und psychosoziale Belastungen mit sich. Der Fragestellung, wie es uns gelingen kann, als Betroffene und unmittelbar Beteiligte mit derartigen Zusatzbelastungen angemessen umzugehen, wollen wir uns in diesem Artikel auseinandersetzen.

 

Zwei Vorüberlegungen:

a) Biblisch anthropologische Verortung: Mit dem Begriff nephesh (נֶ֫פֶשׁ) beschreibt die Bibel die vielschichtige Existenz des Menschen (אָדָם). Nephesch, mit Seele wiedergegeben – besser wäre lebendiges Wesen – bildet in sich selbst ein ganzheitliches (holistisches) Konzept des Menschen, das eine große Bandbreite an Aspekten beinhaltet. Nach Wolf (vgl. Wolff, 2010, S. 33ff) beschreibt nephesch den Menschen als gesamtes Lebewesen (vgl. 1. Thessalonicher 5,23) [1] und umfasst so seine Leiblichkeit (τὸ σῶμα), seine Emotionalität & Denken (ἡ ψυχὴ), seine Strebungen, seine Hinfälligkeit sowie seinen Glauben mit der Sehnsucht nach Transzendenz (τὸ πνεῦμα). Dieses holistische alttestamentliche Konzept, das auch im NT maßgebend ist, entdecken wir teilweise wieder in der Betrachtungsweise der Psychosomatik. Sieht man den Menschen aus dieser Perspektive, wirken sich psychische Belastungen auf den Körper aus, und unsere körperliche Versehrtheit bedingt unser Denken und Fühlen und auch unseren Glauben. Dennoch sollten keine expliziten wechselseitigen Kausalitäten prognostiziert werden. „Der Mythos psychisch verursachter Krebsentstehung ist wissenschaftlich nicht belegt“ (…. S. 82), und eine Tumorerkrankung muss nicht zwangsläufig zu einer psychischen Störung führen.

b) Persönlichkeitsmerkmale: Vor allem, wenn sich etwas Dramatisches in unserem Leben ereignet (die Nachricht von einer lebensbedrohlichen Erkrankung z.B.), zeigt es sich, ob wir unsere Affekte und Emotionen gut regulieren können oder nicht. Die Fähigkeit, uns nach einem Rückschlag selbst zu beruhigen oder uns zum Handeln zu motivieren, haben wir entweder als Erstreaktion vererbt bekommen oder es gegebenenfalls in den Jahren unserer Entwicklung als Zweitreaktion gelernt. So sind wir zu individuellen Persönlichkeiten geworden, die in unterschiedlicher Art mit Schicksalsschlägen umgehen.

Früher … bis Mitte des letzten Jahrhunderts wurden wir auf Stereotypen reduziert. Neigte jemand zur Aggression, war er sehr schnell als Choleriker eingestuft und blieb auch sein Leben lang mit dieser Rolle behaftet. Aggression wurde als ein überdauerndes Verhaltensmuster angesehen und galt als unveränderbar. Dem Melancholiker wurde schnell eine Depression prognostiziert bzw. zugesprochen, dem Phlegmatiker Teilnahmslosigkeit und dem Sanguiniker je nach Ausgangslage Oberflächlichkeit und dass er die Schwere ignoriert und überspielt. Auch wenn man Mischformen annahm, wurde dennoch die Persönlichkeit eines Individuums in diesen Ausprägungen zementiert.

 

Heute werden neurobiologische Aspekte und in diesem Zusammenhang die Affektregulation immer bedeutsamer. Durch den starken Aufmerksamkeitsfokus der Forschung auf die Funktionsweise des Gehirns wird Persönlichkeit neu gedacht. Die Art und Weise, wie wir Herausforderungen bewältigen, wird aus Sicht unserer Amygdala und dem Nucleus Acumbens betrachtet. Hier werden zwei Affektbahnen verortet: Eine „Belohnungsbahn“, die aktiv ist, wenn etwas uns gut tut und eine „Bestrafungsbahn“, wo wir spüren, was uns nicht gut tut. Beides manifestiert sich spürbar körperlich. Ob und wie stark wir es bewusst erleben, hängt von unserem grundsätzlichen Körperempfinden ab.

Die entscheidende Bewältigungskompetenz ist nach Kuhl die Fähigkeit, unsere Affekte wahrzunehmen und sie gezielt so zu steuern, dass wir wieder Wohlbefinden erreichen.

Vier menschliche Kompetenzen sind hier gefragt: Selbstberuhigung, Selbstfokussierung, Selbstmotivation und Selbstkonfrontation. 

Trifft uns eine derartige invasive Erkrankung, führt uns das häufig in eine menschliche Extremsituation. Hinzu kommt, dass die Diagnose Krebs über unsere reale körperliche Bedrohlichkeit hinaus geht. Alleine schon die Ankündigung und die damit verbunden Erfahrungswerte bei anderen Erkrankten kann uns in eine Unheilserwartung stürzen und uns damit traumatisieren.  

Neben depressiven Symptomen und Kontrollverlust  oder ggf. einem Fatigue-Syndrom entwickeln 20-50% der Betroffenen eine klinisch relevante Störung wie eine akute Belastungsreaktion und Anpassungsstörung (bis zu 12%) oder eine Angststörung (bis 13%) oder eine Posttraumatische Belastungsstörung (bis zu 4%) oder eine affektive Störung (bis zu 11%) (S.82 Buch Theophil.). Existentielle Krisen belasten ungemein das Sinnstiftende und das Wertvolle, was wir haben: unseren Glauben und unsere freundschaftlichen und familiären Bindungen. Eine der prominentesten Personen des NT, Johannes der Täufer, geriet in eine Glaubenskrise, als er ins Gefängnis verbracht wurde und dadurch mit seiner eigenen Endlichkeit und Ohnmacht konfrontiert wurde. „Bist du der da kommen soll oder müssen wir auf einen anderen warten?“ war seine Frage an Jesus. Das fragt Johannes der Täufer, derjenige, der sich gegen alle gestellt und Jesus mit höchster Autorität bezeugt hat. Angesichts seiner eigenen Krise gerät er in Zweifel.

 

Was also tun, wenn wir selber betroffen werden oder nahestehende Personen die Diagnose Krebs bekommen? Folgende Empfehlungen lehnen sich inhaltlich und teils sprachlich an den Krebsinformationsdienst [2] an.

 

Empfehlungen bei eigener Betroffenheit

a) Gefühle verbalisieren: Auch wenn wir nicht unsere Gefühle sind – sie sind Bedürfnisschicksale, die uns zeigen, ob unsere Bedürfnisse erfüllt sind –, ist es wichtig, sie wahrzunehmen und einen Raum zu finden, sie auszusprechen. Neben dem Gebet, wo wir unsere Ängste und Gedanken aussprechen können, sind uns vertraute weise Menschen gute Gesprächspartner. Dabei entscheiden wir, wann es hilfreich ist mit ihnen zu reden. Dadurch, dass wir unsere Gefühle erkennen, benennen und bekennen, sind wir besser in der Lage sie zu regulieren.

b) Professionelle psychoonkologische Hilfe in Anspruch nehmen. Oft ist unser unmittelbares Umfeld überfordert mit unserer Problematik. Daher sind professionelle Helfer entscheidend. Sie sind nicht nur erfahren in dem Umgang mit der Thematik, sie können uns auch konkret und individuell verstehen und uns helfen, unsere Perspektive und den Fokus in unserer Krankheit zu wechseln.

c) Auf bereits erfolgreiche Krisen zurückschauen. Auf die Erfahrungen der Vergangenheit kann man aufbauen. Das beruhigt unsere Psyche und hilft uns zu erinnern, wie wir solche Krisen emotional bewältigen können.

d) Zu den Grundwahrheiten unseres Menschseins gehören folgende Annahmen:

– Möglichkeiten und Fähigkeiten jedes Menschen sind begrenzt

– Wir sind in diesem Leben, trotz unserer tiefen Hoffnung, endlich

– alles Sichergeglaubte kann jederzeit und unwiederbringlich verloren gehen

– es gibt keine Garantie dafür, dass wir Hilfe erhalten, wenn wir sie brauchen

– nicht alle Probleme sind lösbar (Büssing S. 152)

Unsere aktuelle Krise kann uns helfen, eine größere Klarheit und Tiefe in unserem Leben zu finden, wenn wir annehmen, was mit uns geschieht.

e) Das Gute im Hier und Jetzt entdecken. Trotz aller Belastungen können wir auf das schauen, was uns guttut. Sich Zeit nehmen für die Schönheit und für das Gute im Leben ist, soweit es möglich ist, eine Kraftquelle.

f) Orte und Zeiten organisieren, in denen wir Gott bewusst hören und neu entdecken können. Dabei gilt es zu entdecken, dass Gottes Heil umfassend ist und über unsere Zeit hinausragt.

 

Empfehlungen für Angehörige

a) Zuwendung, Nähe und Anteilnahme helfen Betroffenen langfristig und sind enorm wichtig. Dabei ist es nicht wichtig, wie genau „professionell“ hilfreich wir sein können, sondern wie wichtig der Betroffene uns ist und wie wir ihm das vermitteln.

b) Reden und vor allem zuhören: Raum geben, dass Betroffene sich und ihre Gefühle mitteilen. Geduld ist hier wesentlich, denn nicht selten brauchen Menschen Zeit, um sich zu öffnen und die eigenen Gefühle und Gedanken für sich selbst zu klären. Erst danach können sie Hilfe und Zuwendung annehmen. Zuhören und mit dem Betroffenen ggf. zu weinen kostet Kraft. Dabei gilt die Regel: Nachfrage ist besser als ungefragt zu raten. Auch wenn Sie die besten Absichten haben: Vermeiden sie es, mit Tipps und Ratschlägen den Betroffenen zu überfordern oder gar zu verunsichern.

c) die Veränderungen akzeptieren: Krebs ist keine Erkrankung, die kurzfristig bewältig wird. Die Therapien dauern erheblich länger, und die Betroffenen erleben über eine längere Zeit Hochs und Tiefs, Rückschläge und Erfolge. Auch nach Jahren ist diese Erkrankungen präsent, auch wenn die Nachuntersuchungen sogar Anlass zur Beruhigung geben. Diese emotionale Achterbahn gilt auch für die Angehörigen. So können in dieser Zeit die Bedürfnisse nach Nähe und Distanz sich ändern und sich auch deutlich zwischen den Angehörigen und den Betroffenen unterschieden. Hinzu kommen Phasen von Wut, Vorwürfen und Aggressionen. Nehmen Sie es nicht persönlich. Bleiben sie offen und bieten Sie grundsätzlich ihre Nähe und Hilfe an.

Seien sie auch flexibel und offen gegenüber Veränderungen. Der Kranke möchte vielleicht in Zukunft Dinge anders klären als bisher. Sprechen sie möglichst offen darüber und seien sie mutig, Neues nicht von vornherein abzulehnen. 

d) keine plakativen Bewertungen: Schnelle Urteile oder die Krankheit in einen kausalen Zusammenhang mit dem Lebensstil des Patienten zu rücken, ist deplatziert – mag es Ihnen auch naheliegend vorkommen. Krebs vielleicht noch mit Schuld und Sünde zu verbinden verbietet sich. Auch schnelle Urteile, vor allem wenn sie noch religiös motiviert sind, sind höchst kontraproduktiv. Jesus hat die Kranken zutiefst angenommen, ohne sie zu verurteilen, im Gegenteil: er hat die Verurteilenden angeklagt.

e) für die eigene Psychohygiene sorgen: Suchen Sie sich selber Gesprächspartner, die ihnen helfen, sich auszudrücken und über ihre Gefühle zu reden. Hier machen Sie sich auch ihre eigenen Grenzen und Möglichkeiten bewusst und senken so den Druck, der auf Ihnen lastet.

f) sich vernetzen: Vernetzen und sprechen Sie sich ab mit anderen Hilfsstrukturen, sei es die Diakonie in der Gemeinde, eine soziale Einrichtung in ihrer Stadt oder den Psychoonkologischen Dienst.

g) für den Betroffenen beten: Gebet ist nicht die Ultima Ratio, auch wenn sie hier an letzter Stelle steht. Die tiefe Verbindung zu Gott, die sich im Gebet ausdrückt, das Wissen des Kranken, dass für ihn gebeten wird, ist jenseits aller Empirie die Verbindung zum Heil und zum Heiland. Mit dieser grundsätzlichen Perspektive ist der Krankheitsverlauf, sogar mit dem tödlichen Ende, weniger belastend und lässt uns über unsere Endlichkeit hinausschauen.

 

Msc Psych. Couns Lorethy Starck

Psychologe, Pastor / Deutschland

Rumänische Übersetzung

[1]„Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!“ (1Thss 5,23, 1993, Elb)

[2] https://www.krebsinformationsdienst.de/leben/krankheitsverarbeitung/angehoerige.php gesehen am 16.Februar 2020

Christiane Eichenberg, Wolfgang Senf: Einführung Klinische Psychosomatik

Julius Kuhl: Handlungspsychologische Grundlagen des Coaching: Anwendung der Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI) (essentials) (Deutsch) Taschenbuch – 26. August 2014
Julius Kuhl: Motivation und Persönlichkeit: Interaktionen psychischer Systeme (Deutsch) Gebundenes Buch – 1. August 2001 Verlag: Hogrefe Verlag (1. August 2001)

Maja Storch: Selbstmanagement – ressourcenorientiert: Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcen Modell (ZRM) (Deutsch) Taschenbuch – 7. August 2017 Verlag: Hogrefe AG; Auflage: 6., überarb. (7. August 2017)

Hans Walter Wolf: Anthropologie des Alten Testaments (Deutsch) Gebundenes Buch – 23. August 2010 Verlag: Gütersloher Verlagshaus; Auflage: 2 (23. August 2010)

 

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